Menu
Menü
X

Texte zu vergangenen Konzerten

Buxtehude-Kantaten-Konzert

Zum ersten Mal begegnete mir die Musik von Dietrich Buxtehude während meines Orgelunterrichtes - die Musik war anders als das, was ich bisher spielte. Jedoch erzeugte sie keine so unabdingbare Faszination, dass sie zu intensiveren Studien Anlass gab. Eher war ich begierig, nun endlich Bachsche Werke spielen zu dürfen. Außer einigen wenigen bekannten Orgelwerken spielte das Kantatenwerk des Lübeckers Meisters in der Literatur der Kirchenmusik überhaupt keine Rolle. Erst im Kirchenmusikstudium sollte die erneute Auseinandersetzung mit Buxtehude und seinem Werk ein Damaskuserlebnis werden: Die als selbstverständlich hingenommene und lange tradierte Annahme, dass Buxtehude lediglich ein Vorläufer von J.S. Bach sei, war nicht mehr aufrecht zu erhalten, das Etikett des "Noch-Nicht Vollkommenen" hinfällig. Die Eigenständigkeit dieser zur norddeutschen Orgelschule gehörenden Musik wurde zu einem Faszinosum, das bis heute anhält.

Am Ende des letzten Jahrhunderts erfuhr die Einzigartigkeit Buxtehudes mit hohem publizistischem Aufwand größere Anerkennung. Doch bis heute führen die Kantaten ein Schattendasein, da sie das ästhetische Moment der barocken Pracht und Gravität entbehren, das so kennzeichnend für die Kantaten Bachs ist. Zudem entziehen sich diese Werke einem sichereren analytischen Zugriff, da sie nicht wie die Musik eines Schütz oder Bach auf textausdeutende Figuren zurückgreifen. Die musikalische Ausgestaltungen sind nur andeutungsweise wortinterpretierend konzipiert, entfalten aber gerade dadurch ihren Reiz. Die Freiheit des Komponisten, eine scheinbar autonome Musik, vom Wort losgelöste Musik zu schaffen, korreliert mit dem "stylus phantasticus" seiner Orgelmusik. Die hervorstechenden Merkmale vieler Kantaten Buxtehudes bestehen in ihrem kammermusikalischer Stil, ihren subtilen Verflechtungen von kurzen Motiven und deren Kombinationsmöglichkeiten. Aber vor allem fasziniert ihr warmer und weicher Tonfall. Buxtehudes Kantaten wurden nicht immer für Kirchen komponiert, sondern auch für reiche Patrizier der Hansestadt Lübeck, die es sich leisten konnten, nicht nur die Ausführenden zu bezahlen, sondern auch einen erstklassigen Komponisten wie Buxtehude. Diese Privatmusiken mussten - wie alle Auftragswerke - allerdings den Geschmack und die Möglichkeiten des Auftraggebers berücksichtigen. Die Tatsache, dass Buxtehude eine große Reihe solcher Kantaten schrieb, zeigt seine herausgehobene Stellung innerhalb der Lübecker Bürgerschaft. Wir sind froh, in diesem Konzert eine Reihe von Kantaten präsentieren zu können, die zum großen Erbe der protestantischen Kirchenmusik gehören.

Reger-Orgelkonzert

 Nach einer Zeit der Abstinenz, bedingt durch Krankheiten und kraft- wie zeitraubende Konzertreisen, veröffentlichte Max Reger 1916 seine zweite Suite für Orgel. Der Begriff Suite meinte im 19. Jahrhundert eine Sammlung verschiedener Stücke, bei Reger die Gegenüberstellung von "alten" Formen wie Toccata, Fuge oder Ostinato und modernen Stilen wie Romanze und Intermezzo, eine Gattung, die vor allem Brahms, den Reger sehr verehrte, liebte. Die kurze und knappe Tonsprache Regers, die er in dieser Suite verwendet, hat mitunter zu krassen Fehlurteilen geführt, weshalb sich dieses Werk in der musikalischen Öffentlichkeit nicht durchsetzen konnte. Vor allem wurde das Fehlen der sonst für Reger so typischen exzessiven Chromatik bemängelt. Die Kürze der Formen galt als Ausweis für ein nettes, aber nicht ernstzunehmendes Gelegenheitswerk ohne größeren Anspruch, allenfalls als "Einstieg" in die Regersche Musiksprache. Teilweise kündigt sich hier schon der Spätstil Regers an, der in der Tat ebenso vom Verzicht auf expressionistisch anmutende Harmonien gekennzeichnet ist wie auch von überdimensionierten Formen, die zu Gunsten eines konziseren Ausdrucks reduziert wurden. Doch ist der Spätstil noch kein Qualitätsurteil - als Interpret bevorzuge ich diese Suite vor vielen anderen Orgelwerken wegen ihres eher intimen und oftmals melancholischen Charakters; das sonst von Reger so sehr gepflegte Pathos - ein "wilhelminisches Pathos" mit übereutrophierten Klangkaskaden (Reger, der "Akkordarbeiter") - ist fast nicht mehr vorhanden, die Orgel wird hier kammermusikalisch eingesetzt. Dieses Werk verdient es allemal, als "echten" Reger aufgeführt zu werden.

 

 

 

 

top