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Rückblick auf das Corona-Chorjahr und Ausblick auf bessere Zeiten

Krisenzeiten wie die aktuelle Pandemie zeigen eine Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens: "Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen" (M. Luther). Der oft totgeschwiegene Tod bricht nun in unsere Idylle mit elementarer Wucht ein. Die scheinbare Sicherheit unserer Gesellschaft in Friedens- und Wohlstandszeiten wird zunehmend erschüttert. Erst allmählich wird offenbar, dass materieller Wohlstand und ökonomische Sicherheit nicht die allein konstituierenden Elemente sind, die im Stande sind, eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Der ständig wachsende Protest der KünstlerInnen verdeutlicht, dass wir auf Kultur als Identifikationsmarker und als Sinngeberin nicht verzichten können. Auch in unserer Kantorei zeigt sich durch die Pandemiezeit, dass der Gesang ein für viele unabdingbarer Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Das Bedürfnis nach gemeinsamem Singen ist vehementer geworden; Proben, wie sie kurzzeitig unter Beachtung der Hygieneregeln stattfinden konnten, sind keine "Pflichtübungen", keine Routineveranstaltung mehr, sondern werden als ein kostbares Gut geschätzt. Gemeinschaft in und durch Musik, Erleben von Musik sind Grundpfeiler und Kraftquelle des Lebens für viele geworden.

In Corona-Zeiten gewinnt auch die Erinnerung an wichtige musikalische Ereignisse einen größeren Stellenwert. In den chorlosen Monaten schweift der Blick gerne zurück zu unserem letzten großen Konzert, am 19. November 2019, mit Haydns Nelson-Messe und Mozarts Vesperae solennes de confessione, für alle Ausführenden und Zuhörerenden ein eindrückliches und unvergessenes Musikerlebnis. Umso mehr erfüllt es uns mit Dankbarkeit und Freude, dass wir nach langer Zwangspause die Chorproben, wenn auch andersartig mit geteilter Kantorei, in der Johanniskirche wiederaufnehmen durften. In den wenigen kostbaren Momenten konnte die Schönheit des Chorgesanges in neuem Licht entdeckt werden. Trotz großen Abstands zwischen den SängerInnen entwickelte sich ein atemberaubend schöner Chorklang im Kirchenraum und erfüllte viele mit sehnsuchtsvoller Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Ziel unseres Chorprojektes war die Gestaltung eines Gottesdienstes am 25. Oktober, der die Parabel vom Pharisäer und Zöllner theologisch und musikalisch durchdringen sollte. Die Vertonung von Heinrich Schütz zu diesem Gleichnis „Es gingen zweene Menschen hinauf“, die wegen der Corona-Beschränkungen nur von einem kleinen Teil der Kantorei, teilweise in solistischer Besetzung, ausgeführt werden konnte, setzte durch ihre engverflochtenen Wort-Ton-Bezüge die Geschichte eindrucksvoll in Szene. Mit vertauschten Rollen – Pfarrer Truschel als Organist und Kantor Ellenberger als Prediger – wurde der Gottesdienst durch weitere musikalische und theologische Beträge bereichert und ergab ein aufeinander abgestimmtes, facettenreiches Gesamtgefüge.  

Wenn auch keiner weiß, wann und wie die Chorarbeit in der Zukunft aussehen wird, ich weiß aber mit wem: mit Heinrich Schütz. Für mich ist er – neben Claudio Monteverdi – der genialste Komponist des 17. Jahrhunderts. Nicht umsonst ließ Günter Grass diesen Künstler als poetischen Musiker in seiner, im dreißigjährigen Krieg spielenden Erzählung "Treffen in Telgte" auftreten. In dieser Krisenzeit lebte und komponierte Schütz, einer Epoche mit Entbehrungen, kulturellem Zusammenbruch und im ständigen Angesicht des Todes. Und dem zum Trotz artikulierte sich sein unermüdliches, von christlicher Religiosität geprägtes Kunstschaffen. Schütz, nicht nur herausragender Komponist, sondern auch geschickter Diplomat, hinterließ ein großes Chorwerk, seine Opern und sonstige Instrumentalmusiken sind jedoch verloren gegangen.

Warum fasziniert gerade die Musik von Heinrich Schütz? Er ist ein Meister des Klanges: wo sein Freund Michael Praetorius eine Vielzahl an Ausführenden verlangt, um einen barock festlichen Klang zu erzeugen, genügen Schütz nur wenige Stimmen, um den gleichen Effekt zu erzielen. Wie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit konnte Schütz mit wenigen Mitteln den maximalen Klang erzielen. Darin gleicht er – man verzeihe den Vergleich – Wolfgang Amadeus Mozart. Des Weiteren ist seine Musik nicht nur ein unglaubliches Klangereignis, sondern er stellt die Komposition in den Dienst des Ausdrucks; seine Wort-Ton-Beziehung ist einzigartig, eine Predigt in Tönen. Das Werk von Heinrich Schütz begleitet mich mein ganzes musikalisches Leben, und noch immer entdecke ich Neues, weswegen ich auch Heinrich Schütz als einer der meist unterschätzten Genies der Musikgeschichte halte. In meiner Jugend- und Studienzeit gehörten seine Kompositionen zum gängigen Repertoire eines jeden Chores. Doch in den letzten Jahrzehnten ist es still geworden, nur selten finden die großen Motetten Platz in den Programmen. Die Johanniskantorei hat sich entgegen dem Mainstream immer wieder um sein musikalisches Erbe bemüht, darunter auch "Mainzer Erstaufführungen" wie die "Cantiones Sacrae" oder seinen Schwanengesang. Mit Spannung darf man also das nächste Jahr erwarten mit aufregenden musikalischen Entdeckungsreisen zu den Werken dieses Komponisten.

Autoren: Volker Ellenberger, Martina Horn

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